Sächsische Kirchenburgen: Ein Anachronismus?

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*Titelbild: Kirchenburg in Heltau/Chisnadie (meine Lieblingskirchenburg)

Es gibt so viele Sachen, über die man staunen kann, wenn man nach Rumänien kommt. Es ist kein langweiliges Land, wie wir „Westler“ oft gerne denken. Wir wissen nur einfach nicht, was dort im wilden Osten los ist, was dort passiert ist, was dort auf sich wartet oder welche Genies dort herkommen. Rumänien verknüpfe ich jetzt auch mit: Paul Celan, den Regisseur Christian Mungiu oder Filmvampir Bela Lugosi.

Als vorbildlicher Lutheraner muss ich aber auch auf die protestantische Geschichte Siebenbürgens hinweisen, das heißt auf die Siebenbürger Sachsen zu sprechen kommen und natürlich deren Heiligtümer: die Kirchenburgen.

Meinem Vater, der vor einigen Monaten zu Besuch nach Rumänien gekommen war, wollte ich dieses wichtige und sehenswerte Kulturgut natürlich nicht vorenthalten und beschloss mit ihm eine Tour durch das „Sachsenland“, also praktisch Süd-Ost-Siebenbürgen, zu machen und ihm zwei, drei Burgen zu zeigen. Ich suchte mir einige Burgen im Internet heraus und wir fuhren mit dem Auto dort hin.

 

Doch schon die Anfahrt ließ erahnen, dass auch der Rest ein Horrortrip werden würde: Übersät von Schlaglöchern versuchten wir die Straße entlangzukommen ohne dem Auto Schaden zuzufügen. Wir waren beide froh endlich angekommen zu sein, denn uns war von der holprigen und kurvenreichen Fahrt schlecht geworden.

Wir schauten zum Kirchenturm hoch, der sich in einem schrecklichen Zustand befand und gingen zum Burgtor. Dort stand geschrieben, dass man den Schlüssel zur Burg bitte bei einer Famile abholen solle mit deren Hausnummer. Doch dieses Haus konnten wir nur nach langer Suche finden. Ich betrat den Hof und kündigte mich auf rumänisch und deutsch laut an. Plötzlich kam ein sichtlich erregter alter Mann vom Feld und schrie mich an, ich solle sein Grundstück sofort verlassen und den Schlüssel solle ich mir vom Pastor holen. Ich rannte sofort weg, weil er mir immer näher kam und eine Schaufel in der Hand hatte.

„Das ist also ein UNSECO-Weltkulturerbe?“, entgegnete mir mein Vater und ich wurde ein bisschen wütend, dass wir gerade dorthin gefahren waren, weil er jetzt einen schlechten Eindruck über Siebenbürgen hatte.

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Stein/Dacia/Garát

Natürlich ist die Situation nicht bei jeder Kirchenburg so katastrophal wie beim gerade genannten Beispiel und ich habe bestimmt auch einfach Unglück gehabt und der „Vorführeffekt“ hat sich von seiner besten Seite gezeigt.

Es wird einfach immer schwerer diese tollen, aber leider alten und oft maroden Gebäude in Stand zu halten. Viele Sachsen sind bekanntlich nicht mehr vor Ort. Sie leben jetzt seit einigen Dekaden in Deutschland, sind schon etwas älter und kehren höchstens im Sommer in ihre Domizile in Siebenbürgen zurück. Es gibt praktisch keine sächsische Bevölkerung mehr in Rumänien, die eine solche Kirche unterhalten kann. Das Gemeindeleben ist in größeren Orten zwar noch einigermaßen intakt, aber mit steigendem Alter der Restbevölkerung wird sich auch das ändern.

Selbstverständlich stehen mit dem Aus des sächsischen Lebens auch die Pflege und Nutzung der Kirchenburgen vor einem Fragezeichen. Erst im Frühjahr diesen Jahres gab es zwei traurige Vorfälle: Zwei Kirchtürme sind, wegen maroder Bausubstanz und fehlender Instandhaltung, fast komplett eingestürzt. Dabei können diese Bauten auch eine Gefahr für das gesamte Dorf darstellen, wenn sie sich zum Beispiel direkt neben anderen Häusern oder Landstraßen befinden.

Die Kirchen mit ihren Schätzen werden auch des Öfteren Opfer von Kleinkriminalität: Über die Jahren verschwindet die ein oder andere Ausschmückung, ein Kelch oder der vergoldete Kerzenhalter. „Na, diese faulen, stibitzenden Zigeuner!“, höre ich da in meinem Kopf viele Sachsen sich erboßen. Doch eine schöne, restaurierte Kirche mit allerhand Schätzen umringt von Armut ist nunmal kein standhaftes Zukunftsmodell. Und man muss sich klar werden: Eine Kirche, das ist kein Ort ausschließlich für Priviligierte, sondern im Idealfall ein Ort der Zusammenkunft, des Miteinandern, der Solidarität. Zwangsläufig muss, auch wenn das viele Sachsen nicht sehr schätzen, die Bevölkerung vor Ort integriert werden, damit die Kirchenburg auch in 100 Jahren noch steht und kein Anachronismus in einem rumänischen Dorf des Jahres 2016 bleibt. Und das sind in vielen Fällen die Roma.

Modellprojekte für eine solche Integration gibt es: Im kleinen Ort Trappold, unweit von Schäßburg (Sigisoara) wir die Kirche mit Hilfe von EU-Geldern finanziert. Bei der aufwendigen Restauration, die auf der Eigenintiviative eines Ehepaares beruht, werden aber auch die Einwohner miteinbezogen und eingeladen: Die Kirche und der Burghof dient als Treffpunkt, für Kinoabende oder Vorträge. Gleichzeitig gibt es auch, von Freiwilligen betreut, Nachmittagsangebote für Kinder und Jugendliche in den Stuben des Burgrings. Es gibt weitere „Vorreiterprojekte“, bei denen beispielsweise die lokale Bevölkerung in den Restaurationsprozess einbezogen wird und dadurch gezielt gefördert und angetrieben werden zum Beispiel eine Schreinerlehre oder ähnliches anzufangen. Wieder andere Kirchenburgen dienen als einzigartige Seminar- oder Festivalorte, wie die Burgen in Holzmengen (Hosman) oder Bierthälm (Biertan) und helfen der lokalen Wirtschaft, zumindest in den Sommermonaten.

Das Vermächtnis der Sachsen kann also Erhalten bleiben, doch auch nur, wenn man sich der traurigen Realität des Verschwindens der „eigentlichen“ Bevölkerung stellt. Es ist nun mal so, wie es ist und das kann kein Sachse mit seinem Schwelgen vom schönen Verflossenen aufhalten.

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Honigberg/Harman/Szászhermány

Esti poponar? Homokos vagy? – Ein Beitrag über „unsichtbare rumänische Schwuchteln“

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„A ieşi din dulap.“ – Aus dem Schrank heraus kommen. Das heißt hier, sein „Coming out“ zu haben, zu sagen, dass man homosexuell ist. Was macht eigentlich die LGTB-Szene in Transsylvanien? Gibt es die? Sind die besonders aktiv? Das habe ich mich auch gefragt, als ich hierher gekommen bin.

Eşti poponar? Homokos vagy? Bist du eine Schwuchtel? – Homophobie ist klar verankert in der rumänischen Gesellschaft. Das Idealbild ist und bleibt die Familie mit dem starken, arbeitenden Mann, der Frau vor dem Herd und den Kindern, die im Mittelpunkt aller Aufmerksamkeit stehen und für die sich die ganze Schufterei am Ende lohnen soll.

Niemand sagt offen etwas über Homosexuelle, man denkt oft gar nicht daran: Geht man nach Pata Rât, sieht man Jungen, die sich kumpelhaft einhaken. Manche küssen sich sogar die Wangen zu Abschied. Auch in der Stadt gehen viele Mädchen Hand in Hand. – Das wird dann aber eher als Beste-Freundin-Bester-Freund-Sache ausgelegt und gar nicht sexuell interpretiert.

Es scheint ein Thema zu sein, welches hier noch nicht angekommen ist. Homosexualität ist unsichtbar. Als normaler Bürger sieht man keine Regenbogen-Paare auf der Straße, keine Flagge, die einzige rumänische Pride ist in Bukarest und um in Klausenburgs einzigen „Szeneklub“ zu kommen, muss man selbst als Unwissender ein paar Minuten die Tür suchen. Auch in den meisten Studentenbars sieht man keine Jungs zu zweit sich romantisch in die Augen blickend. Man spricht nicht über das Thema; man schweigt es lieber tot, denn es ist unangenehm, unbequem, passt nicht in die Gesellschaft. Doch, wenn es unvermeindbar angesprochen wird, dann redet man natürlich negativ darüber, weil man es oft so von der Kirche oder dem Staat so gewohnt ist.

„Den Regenbogen kann ich mir jetzt nicht mehr anschauen, ohne an LGBT zu denken.“

Der LGBT-Diskurs in Rumänien wird aber auch zum großen Teil von der Kirche, egal welcher Konfession, voreingenommen. Vor allem die orthodoxe Kirche ist durch und durch homophob geprägt. Da kann man auf unschlägigen Seiten im Netz, in Kommentarleisten und Publikationen Sätze lesen, wie: „Den Regenbogen kann ich mir jetzt nicht mehr anschauen, ohne an LGBT zu denken. Das reicht mir schon.“ Oder Homosexualität wird anhand der Bibel als Sünde erklärt.

Erst vor kurzem gab es eine Petition gegen die gleichgeschlechtliche Ehe, denn in Rumänien gab es eine Gesetzteslücke, die es „zwei sich liebenden Menschen“ erlaubte, sich zu verheiraten. Die Petition gegen die „Homo-Ehe“ konnte insgesamt drei Millionen Unterstützter hinter sich bringen. Mitinitiator war, welch Überraschung, die orthodoxe Kirche.

Doch auch die evangelische Kirche ist noch längst nicht so weit, andere Formen der Sexualität anzuerkennen, obwohl es schon längst hinter den Kulissen brodelt. Kurz nach dem Jahreswechsel wurde bekannt, dass sich ein siebenbürgischer Pfarrer mit seinem Ehepartner ab dem Frühjahr in der deutschen Nordkirche eine Pfarrstelle teilen wird. Das machte schnell die Runde in den evangelischen Zeitungen und führt nun zu internen Diskussionen. Doch gibt es bestimmt genügend Pfarrer, in der lutherischen, katholischen als auch orthodoxen Kirche, die schwul sind. Nur will, darf und kann sich fast niemand dazu bekennen.

Doch auch als Homosexuelle/r kreiert man selbst ein Schreckensbild und verhindert eine schleichende Sensibilisierung der Gesellschaft durch das Ausschweigen. Was denken meine Freunde darüber? Kann ich es meiner Oma erzählen, die sich jeden Sonntag in der Kirche den Kopf waschen lässt? Als Rumäne muss man im Falle seines Coming-Outs tatsächlich mit weitreichenden Folgen im Familienleben zurecht kommen.

„Ce să fac? – Was soll ich denn machen?“

Ein rumänisch-französischer Regisseur, dessen Stücke auch in der Pinselfabrik aufgeführt werden, sagte kürzlich in einem Interview: Viele Leute bekennen sich zwar zu ihrer Sexualität, aber sie verstecken es oder gehen nicht raus auf die Straße, weil, wie sie sagen, sie von jenen Auf-die-Straße-Gehern nicht repräsentiert werden. Sie verstehen nicht, dass es nur an eben diesen Menschen liegt, dass wir heute Rechte haben.“

Viele outen sich nicht im Büro, in der Schule, um keine Nachteile befürchten zu müssen. Man steckt den Kopf in den Sand und sagt: Ce să fac? – Was soll ich machen? An der Situation kann ich sowieso nichts ändern.

Unter Schwulen selbst herrscht eine latente Homophobie: Durch das homophobe Umfeld selbst denkt man auch automatisch schlecht über sich selbst. „Als ich es herausgefunden habe, habe ich mich selbst gehasst und Gott darum gebeten, mich zu heilen“, erklärte mir ein Freund. „Meine Eltern oder Verwandten wissen bis heute gar nichts und wenn sie etwas wüssten, dann wäre ich eine Schande für sie“, habe ich nicht nur einmal von Bekannten oder Freunden gehört.

Die letzte Person, die wegen Homosexualität im Gefängnis saß, war Mariana Centier. Sie wurde ihrer Freiheut rund drei Jahre beraubt und erst 1998 auf Drängen von „Amnesty International“ freigelassen.

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Karikatur aus den 90ern: „Warum denn so schnell? Wir haben doch noch 8 Jahre im Gefängnis zusammen.“

2002, infolge der EU-Beitrittsverhandlungen, wurde Artikel 200 aus der rumänischen Verfassung gestrichen, der jegliche Form des sexuellen Kontaktes mit dem selben Geschlecht verbot und dies unter die Strafe von bis zu fünf Jahren Zuchthaus stellte. Ceauşescu, der in den dreißiger Jahren selbst der Homosexualität bezichtigt wurde, hatte den Artikel im Jahr 1968 eingeführt; vorher war nur das öffentliche Bekenntnis zur Homosexualität und deren öffentliche Ausübung strafbar.

Mit diesem illiberalen Gesetz zog sich auch die „Szene“ immer mehr ins Dunkle zurück. Man traf sich nachts im Park oder bot sich auf öffentlichen Toiletten an. In der Zeit des Kommunismus war auch der Strand in Mamaia ein beliebter Ort zum Cruisen. Dort herrschte, wie auch im Rumänischen „Hippieparadies“ Vama Veche, freie Körperkultur und viele Homosexuelle fühlten sich durch die Anonymität der ausländischen Urlauber sicherer ihre Sexualität zu zeigen.

Gab es eindeutige Indizien für die Homosexualität eines rumänischen Staatsbürgers, wurde man mit diesen Informationen erpresst: Entweder, man diente dem Staat oder das große Geheimnis flog auf. In der Zeit des Kommunismus gab es also einige Menschen, die aufgrund ihrer Sexualität bei der Securitate arbeiteten.

„Es gibt viele kleine Nischen, in denen man LGBT-Angehörige finden kann und das erscheint mir dann immer wie eine Oase in der Sahara.“

Natürlich gibt es auch Gegenbeispiele, von wissenden Familien, die das Anderssein des Kindes dann auch unterstützten, aber das ist eher nicht die Regel. Viele Verheimlichen es und geben zum Beispiel vor dass ihre Partnerin oder ihr Partner nur Mitbewohner sind.

Cluj als Studentenstadt bietet dann natürlich das optimale Klima für ein, jedenfalls bei Freunden, geoutetes Leben. Man ist weg von der Familie, weg aus der rumänischen Provinz, gewinnt Abstand zur Kirche und erkennt vielleicht, dass es gar nicht so schlimm ist, anders zu sein. Und dann braucht man dann natürlich noch die richtigen Freunde, die das nicht so verklemmt sehen.

Es gibt viele kleine Nischen, in denen man LGBT-Angehörige finden kann und das erscheint mir dann immer wie eine Oase in der Sahara. Man munkelt: Ist dieser Schauspieler jetzt schwul? Hat die Tutorin an der Uni gerade etwas positives über Lesben gesagt? War das nicht der Pfarrer aus der Kirche, der da letzten Samstag im Club mit einem anderen Mann als Gott getanzt hat?

Orte in Cluj, wo man offen lesbisch oder schwul sein kann gibt es, doch sie sind relativ rar. Es gibt in der ganzen Stadt gerade einmal einen Szeneclub, das „Delirio“, den viele aber als zu schmierig empfinden und deshalb in den „Shelter“ ausweichen, der wenigstens gayfriendly ist oder sich in Studentenbars treffen. Eine besonders aktive Szene gibt es nicht, höchstens in einem alternativen Zentrum. Eine Gay Pride gibt es in Bukarest erst seit 2006. In Klausenburg als Hauptstadt Siebenbürgens keine Spur davon. Kultureinrichtungen wie die Pinselfabrik, die Zug.Zone oder das Theater bieten aber Platz dort seine Sexualität offen zu zeigen oder in Dialog zu treten.

Ein sehr bekanntes Stück, entsprungen aus den Räumen der Pinselfabrik über Geschlechterrollen und sexuelle Identität.

Ob sich an der Situation etwas ändern wird in den nächsten Jahren? Ich weiß es nicht. Selbst Präsident Johannis sagt, dass das Land bis jetzt noch nicht reif genug für mehr Rechte von LGBT-Personen ist. Doch, als Gegenfrage, ist das Land dann auch bereit für die Europäische Union?

Ganz klar muss der rumänischen Gesellschaft die „Angst“ genommen werden und damit der Kirche der Wind aus den Segeln. Es muss eine Bildungskampagne gegen Stereotypen gestartet, damit öffentliche Ausschreitungen gegen Homosexualität nicht mehr passieren kann und das Stillschweigen gebrochen wird.

Es bedarf mutiger Vorreiter, die sich outen oder zur Gleichstellung von Homosexualität bekennen – in der Kultur, in der Kirche, bei den Studenten und auch in der Politik. – Und davon gibt es einige. Menschen, die Beispiele sind in der Gesellschaft, sich engagieren und fest im Leben stehen.

Herr Johannis, machen Sie doch den Anfang! Immerhin halten Sie und Ihre Frau sich privat immer wieder in einem schwulen Umfeld auf: Der neue Vorsitzende des Bundes der Vertriebenen ist zufällig Siebenbürger Sachse und ein Freund von Johannis – und offen schwul.

„Sie ist ein guter Junge“ – Ein rumänisches Stück, inspiriert durch eine transexuelle Person in einem siebenbürgischen Dorf, die von ihren Nachbarn geschätzt wird.

Széklerland – Wunderland

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Es gibt eine Region in Rumänien, die mir immer wieder wie ein roter Flicken auf einer grünen Hose vorkommt. Sie ist sehr ländlich, ruhig mit unglaublicher Natur: Schlammvulkanen, Berge, heiße Quellen. Ein Natur-Wunder-Land. Dort gibt es keine Autobahnen, die Straßen rangieren unter den schlechtesten im Land, man hat kein Mobilfunknetz. Die Region ist bekannt für ihre kunstvoll geschnitzte Hoftore, den Baumstriezel und starkes Bier. Hier ist alles in einer komisch eckigen Schriftart geschrieben und die Ortschilder sind nur an zweiter Stelle auf Rumänisch.

Läuft man durch einen der größten Orte in dieser Region, dann sieht man am Bürgermeisteramt erstaunlicherweise keine rumänische Trikolore hängen, sondern eine blau-gelbe Flagge, mit einem traurigen Halbmond und einem einer Sonne. Daneben die ungarische Flagge; rot-weiß-grün. Selbst die Grabsteine und Ehrentafel sind anders: Sie sind komische, verzierte Holzstelen, die aus dem Boden ragen und mit Schniztereien verziert sind.szeki_2

Willkommen im Széklerland! Oder auch: Széklergebiet; oder wie die Rumänen es gerne belächelnd nennen: Széklerländchen. Es ist eine Region zum Wundern. Inmitten des rumänischen Staates eine solche „Insel“ eines ganzen anderen, ungarischsprachigen Volkes zu finden, erscheint unerwartet und macht auch deutlich, wie groß das Gebiet Siebenbürgens ins „rumänische Kernland“ eigentlich hineinragt.

Bierwerbung und Széklernatur

Dieses etwa Bananenförmige Gebiet im östlichen Karpatenbogen ist eine No-Go-Area für rumänischen Patriotismus, denn die Menschen hier identifizieren sich vorwiegend als Ungarn; besser gesagt als Székler. Direkt in der Mitte des Landes leben rund eine Million Menschen, die Ungarisch sprechen und sich ganz und gar nicht wohl im rumänischen Staat fühlen; erst vor einigen Jahren forderten sie ihre Autonomie, die ihnen in den Sechzigern Jahren des letzten Jahrhunderts aberkannt wurde.DSC02743

In diesem Gebiet in den Ostkarpaten angekommen waren die Székler im 13. oder 14. Jahrhundert, da sie, auf Verlangen der ungarischen Krone, Südsiebenbürgen verlassen mussten. (Hier wurden nämlich die Sachsen angesiedelt.) Im östlichen Karpatenbogen wurden sie von der ungarischen Krone vor allem als Grenzwächter eingesetzt und lebten vor allen in ruralen Verbänden. Genau kann man aber nicht sagen, was ihre Ursprünge sind. Székler haben aber auf jeden Fall einen sehr spezifischen Dialekt, der viele andere Wörter enthält, die den türkischen Sprachen entstammen.

Sie sollen gute Bauern, Hirten und Pferdeexperten (gewesen) sein und verstehen sich auch gar nicht als „richtige“ Ungarn, sondern eben als „Székler“. Der Name kommt vom ungarischen Wort für Stuhl – „szék“ – denn die Region wurde unter ungarischer Herrschaft in Bischhofssitze („Stühle“) eingeteilt.

 Schallmvulkane in Homorod

Anders als die Sachsen, die in der Zeit des Kommunismus geflüchtet sind oder von der BRD „aufgekauft“ wurden, sind die Székler in ihrem Gebiet geblieben und das Ceausescu-Regime hat es unter den größten Anstrengungen nicht geschafft dieses bäuerliche Széklervölkchen zu „rumänisieren“ oder sie zur Immigration zu bewegen. Das ist immerhin ein Block von fast einer Millionen nicht muttersprachlich Rumänisch sprechenden Menschen, die auch gar keine so tiefgreifende Beziehung mit dem zeitgeschichtlich „neuen“ Staat Rumänien haben. Vielmehr hat sich der ungarische Staat diesem Volk angenommen, da es als eines von zwei Völkern Europas Ungarisch spricht.

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Neben der ungarischen Flagge, sieht man auch die Székler-Flagge am ungarischne Parlament

Wie alle Auslandsungarn haben auch sie die Möglichkeit, sofort nach Ungarn einzureisen und dürfen dort auch die über die Sitzverteilung im Parlament abstimmen. Ein cleverer Schachzug der orbánschen Kümmererpolitik, da damit ja immerhin die Chance auf einen größeren Prozentsatz für die Fidesz-Partei erhöht wird. Auch hat sich in den letzten Jahren, unabhängig vom demokratischen Verband der Ungarn in Rumänien, eine eher rechtskonservative, nationalistische Partei gegründet, die von ungarischen Nationalisten und auch von Orbán Viktor großzügig mit Spenden besehen werden. Die Partei fordert eine Autonomie des Széklerlandes und noch viel weitreichendere Minderheitenrechte und behindert eher die Arbeit des Ungarnverbandes. Die Rumänen schreien dann gerne: „Das ist Rumänien hier, wenn ihr uns nicht akzeptiert, dann geht doch nach Hause.“ – Überspitzt gesagt sieht man die Region als Fremdkörper und die Székler als Verschwörer gegen den rumänischen Staat.

Doch die Probleme mit den Széklern sind zum Teil auch hausgemacht. Und zwar auch von der rumänischen Seite: Noch immer ist die Region innerhalb des Landes eine der am rückschrittlichsten. Fährt man durch das Széklergebiet, dann merkt man das vor allem an den Straßen mit ihren Schlaglöchern. Mit einer Karte oder GoogleMaps kommt man hier nicht sehr weit. Doch statt in Infrastruktur, Soziales oder Kultur zu investieren, entscheidet man sich in Bukarest lieber dafür das Geld in Militärstützpunkte zu investieren, wie es zuletzt in Sepsiszentgyörgy (rum. Sfântu Gheorge) passiert ist.

Man kann deshalb verstehen, dass viele Politiker das Ländchen lieber als eine autonome ungarische Republik sehen würden, als das ihnen ständig Gelder aus Bukarest abgezogen werden. Von der rumänischen Politik wird die Autonomie, die übrigens erst in den 60ern unter Ceausescu aberkannt wurde, weitgehend abgelehnt. Man fürchtet um seine territoriale Integrität, was aber völlig unbegründet ist, da Ungarn und Rumänien beide Bündnispartner sind; in der EU, wie in der NATO. Ein erneutes Anfachen des Siebenbürgen-Konflikts macht das unmöglich. Doch das Verlangen nach Autonomie ist auch ein Zeichen des rumänischen Staats, dass sich Teile der Bevölkerung von der Bukarester Politikklasse nicht ernst genommen fühlen. Doch alle Schreie nach Veränderung werden bis auf Weiteres ungehört bleiben, solange der rumänische Staat so zentralistisch-unbeweglich bleibt, wie er jetzt ist.

Den Széklern ist das eigentlich egal. Sie lassen sich nicht beirren und schwören sich als Minderheit immer mehr ein. Trotz dem Fehlen von größeren Städten im Széklergebiet, fehlt es nicht an Kultur oder Bildung. Selbst in den kleinen Komitatsstädten gibt es Theater, Museen, Kino; was nicht gewöhnlich für rumänische Kleinstädte ist. Der Zusammenhalt innerhalb der Region ist größer, man beruft sich auf seine Kultur und Tradition, die Vergangenheit, das konservative Familienverständnis. Kurz: Man lebt in einer für europäische Verhältnisse „abgeschotteten“, veralteten Lebensweise. Doch dieser Lokalpatriotismus der Székler lässt sie mehr zustande bringen, als man von anderen, rural geprägten Regionen Rumäniens gewohnt ist. Von den Rumänen lassen sie sich nicht beirren und so werden die Székler wohl auch in der Zukunft eine „Inselbevölkerung“ bleiben. Der ungarische Fleck eingerahmt von rot-blau-gelbem Territorium. 

La revedere, visszontlátasra, auf Wiedersehen, my Dear!

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In einer Nacht- und Nebelaktion habe ich mich schon vor Monaten davon geschlichen, habe das Bihor-Gebirge und die Pannonische Tiefebene hinter mir gelassen, meine Freunde, meinen Praktikumsplatz, meine Lieblingsstadt und bin zurück in die wunderschöne Thüringer-Einöde geflüchtet. Seit Mitte März wohne ich nun nicht mehr „richtig“ in Siebenbürgen und es fehlt mir sehr. Doch genauso sehr fehlte es mir auch, meinen Blog zu pflegen, den ich seit Januar schändlich vernachlässigt hatte. Hier kommen deshalb, als Abschluss ein Haufen Beiträge, die ich in eineinhalb Jahren mal angefangen, aber nie vervollständigt habe.

Meine Auswahl an sehr guten rumänischen Filmen

Jedes Jahr im Frühsommer findet in Klausenburg das Internationale Transsylvanische Filmfestival (kurz TIFF) statt. 2016 wurde es bereits in seiner fünfzehnten Auflage zelebriert und ist ein voller Erfolg in Klausenburg. Es ist eines der Prestigeprojekte der Stadt für das Rennen um die Kulturhauptstadt 2021 gegen Temeswar im Banat und hat in diesem Jahr auch die meisten Fördermittel aus dem „Kulturtopf“ bekommen.Während des TIFF’s, wie das Festival abgekürzt wird, befindet sich die gesamte Stadt in einem Ausnahmezustand und gefühlt schaut sich jeder Einwohner der Klausenburgs ein paar Filme an. Der Hauptplatz wird am Abend zum Freilichtkino umgestaltet und während der zehn Tage, die das Festival dauert, strotzt die Innenstadt nur so von Internationalität. Es werden bekannte europäische Produktionen gezeigt und es gibt auch einige Prominente Gäste, aber auch rumänische Filme und deren Macher kommen nicht zu kurz. Was das Festival aber auch zeigt ist, dass die Rumänische Kulturlandschaft, und vor allem deren Filmsektion, lebt. Zwar ist das Pflaster auf dem man als Regisseur schreitet sowieso ein hartes und holpriges – allgemein als Kulturarbeiter und -schaffender – doch das, was das Land an kreativen Ergüssen hervorbringt, ist durchaus konkurrenzfähig. 

Überhaupt genießt der „neue rumänische Film“ im Ausland, und damit ist nicht nur in Europa gemeint, ein hohes Ansehen. Er zeichnet sich aus durch Minimalismus, oft durch den Zwang des kleinen Budgets, lange Dialoge und Realismus. „Wir sind immer wieder durch kleine Budgets gezwungen, gut durchdachte, smarte Filme zu machen“, erklärt der Regisseur Adrian Sitaru. Es geht in diesen Filmen vor allem um die post-kommunismus Gesellschaft und wie sich einzelne Menschen durch prekäre Verhältnisse wurschteln; versuchen ihr Leben zu meistern. Als Gegenentwurf versucht die rumänische Komödie viel zu sehr ironisch und komödiantisch zu sein. Filme wie „Usturoi“ (Knoblauch) sidn Beispiele dieser pseudo-lustigen Schiene. Doch es gibt auch einige ganze Menge Juwelen im rumänischen Film, die ich in diesem Beitrag vorstellen möchte. 

Der „Mainstream“-Klassiker des rumänischen Films ist wohl „Vier Monate, drei Wochen, zwei Tage“, der im Jahr 2006 veröffentlich wurde. Ab den sechziger Jahren war es gesetzlich verboten abzutreiben, da das Regime seine Einwohnerzahl von 20 Millionen bis zum Jahr 2000 auf 30 anwachsen lassen wollte. Aufklärung stand in der Schule eher als letztes Thema an und wenn, dann wurden vor allem Schwangerschaft und Geburt als Anzustrebendes Ziel erklärt. Kondome und die Anti-Baby-Pille gab es nur auf dem Schwarzmarkt. Gleichzeitig waren Familien wirtschaftlich wie psychisch nicht im Stande in Zeiten von Lebensmittelknappheit mehrere Kinder oder wenigstens ein Kind zu erziehen. Zur Folge hatte das viele illegale Abtreibungen, die den ungewollten Müttern Kraft, Geld und Würde raubten. Der Film erzählt die Geschichte von zwei Kommilitoninnen, die gemeinsam illegal eine Abtreibung unter den widrigsten Umständenorganisieren. Ein bewegendes Drama von Christian Mungiu, der vor kurzem in die Oscar-Akademie aufgenommen wurde, um Filme für die Preisverleihung zu nominieren.


Ein weiterer empfehlenswerter Film ist „Der Tod des Herrn Lazarescu“:

Auch hat die rumänische Kinolandschaft seit dem Erfolgsfilm „Aferim!“ einen rumänischen Western im Repertoire. Der Film, zum Lachen und Weinen zur gleichen Zeit, erzählt vom Leben der rumänischen Bevölkerung in der Wallachei im frühen19.Jahrhundert. Ein Dorfpolizist und sein Sohn sind vom örtlichen Bojaren beauftragt worden, einen entlaufenen Zigeunersklaven einzufangen. Auf ihrer Reise treffen sie auf allerhand schräge Gestalten: Da gibt es den xenophoben Priester, den bestechlichen Konstabler, die wahrsagende Zigeunerin. Der Film gibt einen guten Einblick in die wallachische Gesellschaft und spricht endlich die Unterdrückung und Versklavung der Roma an. Lange hat man darauf gewartet, dass dieses Thema in einem rumänischen Film angesprochen wird und letzten Endes fungiert der entlaufene Zigeuner letzten Endes sogar als Sympathieträger. 

Eine große Überraschung war für mich der Film „Faleze de Nisip“ aus dem Jahre 1983. Ein Doktor ist bei seinem Strandurlaub unachtsam und ihm werden Radio und andere wertvolle Sachen gestohlen. Er beschuldigt einen Jungen, der dem Dieb ähnlich scheint und schmeißt dessen Leben dadurch völliger aus der Bahn: Durch die Verdächtigung und die 10-tägige Inhaftierung bei der Polizei wird er Opfer sozialer Ausgrenzung, verliert seine Stelle als Reeder. Der Film wurde vom Ceausescu-Regime eine Woche vor der Premiere verboten, da er als nicht „besonders wertvoll“, bedeutungslos und für die rumänische Gesellschaft zu negativ eingeschätzt wurde; zeigt er doch Szenen, die bei der (Staats-)Polizei der damaligen Jahre gängige Routine waren: Der Junge wird mit Psychospielchen zu einer Aussage gezwungen, obwohl selbst der Doktor an seiner Schuld zweifelt. Polizei und Anwohner spielen mit, um nicht in die Missgunst des Doktors zu fallen, der Einfluss in der Bukarester Politik zu haben scheint. Ein guter Film über Macht und Korruption, der einen den rumänischen Polizeistaat ein wenig näher bringt.Vor allem die Kameraarbeit ist atemberaubend und kein bisschen angestaubt. Das ist tolles, kritisches, spannendes, humorvolles, rumänisches Kino!

Kein Juwel, aber wohl ein wichtiger Dokumentarfilm, vor allem für mich als Deutschsprachigen, ist „Ein Pass nach Deutschland“. Als ich den Film zur Premiere in Hermannstadt im Herbst 2014 zum ersten Mal sah, herrschte eine unglaubliche Atmosphäre im Kinosaal und zum ersten Mal konnte ich verstehen, wie sehr sich die Siebenbürger Sachsen ihrer Heimat entwurzelt fühlten. Der Film erzählt die Geschichte des „Freikaufs“ der deutschen Minderheit während der Ära des Kommunismus, den diplomatischen Hochseilakt der BRD, sowie auch bewegende Einzelschicksale. Wer mehr über die deutsche Minderheit in Rumänien erfahren möchte, sollte sich diesen Film anschauen.


Der rumänische Film ist, wenn er gut gemacht ist, lustig und traurig zugleich; bittersüß. Er zeigt die guten Intentionen der Menschen, ihre Unschuldigkeit in aller Direktheit und ohne Verschnörkelungen. Es sind eben die Umstände, die Rumänien so seien lassen, wie es ist und nicht die Einstellung der Menschen. Der rumänische Film hat das Potenzial dem „gemeinen Westeuropäer“ den Osten verständlich zu machen, ohne zu sagen „Armut“, „Zigeuner“, „Kinderheime“.

Lebende Bibliothek: Roma in Siebenbürgen

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Im Juli fand in Cluj das Projekt „So Keres, Europa?!“ statt, über welches ich hier noch berichten werde. ‚So Keres‘ heißt aus Romanes übersetzt „Was ist los?“ und im Rahmen der Projektwoche hat eine Workshop-Gruppe Roma über ihr Leben befragt. Es geht um Zwangsumsiedlung, traditionelle Berufe, wie man sich das Leben arrangiert. Ich habe sie jetzt aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt. Sie sind in einfacher Sprache gehalten und sollen das Leben einiger Roma in Rumänien darstellen:

Rita, lebt seit 5 Jahren in Coastei (Pata Rât):
„Wir wurden gezwungen zu gehen und unsere Häuser mit unserer Vergangenheit wurden von der Stadt zerstört.“

Rita hat uns zu einem Gespräch in ihr Haus eingeladen. Sie bringt uns eine Cola und wir befragen sie. Fünf Jahre zuvor wurden sie und ihre Familie illegal aus dem Stadtzentrum Cluj’s vertrieben. Ihre Häuser wurden zwangsgeräumt und sie selbst verbannt an das Ende der Stadt oder gar der Zivilisation. Viele Menschen aus Coastei haben Schulbildung genossen und waren an das Stadtleben angepasst.
Es sind sechs weitere Personen, die mit ihr in ihrem „Haus“ leben, nach einem normalen Leben streben und tun, was sie tun können, um ihre Lebensumstände ein wenig zu verbessern.
Ritas Neffe sitzt auf ihren Händen, lächelnd und uns mit seinen unschuldigen Augen anblickend. Er ist rund fünf Monate alt und hier in der Coastei-Gemeinde geboren, nahe der stättischen Müllkippe.
Es war die Entscheidung der Stadt die 76 Familien aus ihren normalen Leben herauszunehmen und sie dorthin zu bringen, wo sonst keiner der entscheidenden Politiker auch nur einen Tag überleben würde.
Ihnen wurde rund 40 Häuser bereitgestellt, in einer Größe von ungefähr 20 Quadratmetern, um dort ihre Zukunft hineinzustecken, die jetzt natürlich überschattet ist von Unsicherheit und Ungerechtigkeit. Es gibt auch Fälle in denen Familien ihre Unterkünfte selbst bauen mussten. Und all das eine Woche vor dem Weihnachtsfest.
Jetzt gibt es einen Kindergarten, eine Kirche und ein improvisiertes medizinisches Zentrum in Pata Rât. Nach fünf Jahren wurden und werden die Häuser in Coastei erweitert, um mehr als nur ein Zimmer zu haben, in dem man wohnt. Das alles haben die Leute in Coastei allein gemacht, um sich selbst zu helfen und einen neuen Sinn im Leben zu finden. Trotzdem gibt es noch erhebliche Probleme. Es dauert etwa eine halbe Stunde bis zum Beispiel ein Krankenwagen nach Coastei kommt. „Und manche Taxi-Unternehmen wollen keinen Fahrer schicken, wenn sie hören, was das Ziel ist. Aber die Polizei, ja, die kommt immer sehr, sehr schnell“, erklärt Rita.
Sie ist Vorstandsmitglied in der Nicht-Regierungs-Organisation, dich sich für Roma-Rechte einsetzt und Sprecherin der Gemeinde Coastei, benannt nach der Straße in der sie einst lebten.
Heute steht auf dem zwangsgeräumten Gelände nicht sehr viel. Die orthodoxe Kirche will für die theologische Fakultät einen neuen Gebäudekomplex errichten und ein kleiner Spielplatz steht dort, aber es gibt nicht mehr viele Kinder, die dort spielen können.

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Während des Projekts fand auch eine Kundgebung auf dem Gelände der ehemaligen Strada Coastei im Stadtzentrum stadt.

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Der Weg von Coastei nach Dallas. Bild: Sasha Naselenke

Laszlo (57), hat drei Jobs und spricht drei Sprachen:

Laszlo wurde in der Gemeinde Poeni geboren, etwa 60 km entfernt von Cluj. Er erlernte traditionelle Roma-Handwerke, Schmied, und fertig Teller, Pfannen oder Wasserkessel an, repariert sie aber auch. Außerdem erlernte er den Beruf des Klempners. Als er 10 Jahre alt war, begannen sein Vater und Großvater ihm ihre Handwerke zu lehren, damit er sich die Techniken schnell aneignet und das Familienleben durch seine Arbeit erleichtern konnte. Außerdem war es sehr wichtig für seine Verwandten die Berufstradition der Familie aufrecht zu erhalten.
Laszlo hat 8 Kinder, aber keiner unter ihnen ist Schmied. Seine Kinder denken, wenn sie die Tradition fortgeführt hätten, hätten sie auch ein eher unsicheres Leben, so wie er. Doch Laszlo hatte auch einen „echten“ , staatlich anerkannten Beruf: Er arbeitete für 36 Jahre in einer Miene. Einerseits liebte er seine Arbeit, aber bekam er nach einiger Zeit davon auch Herzprobleme. „Während dieser Jahre war eigentlich alles gut. Ich konnte meinen Kindern alles geben, was sie wollten, weil ich regelmäßig bezahlt wurde.“
Als ein Eisenschmied, sagt er, war er immer sehr stolz, wenn er einem frisch verheirateten Ehepaar eine Pfanne in Herzform machen konnte. Laszlo arbeitet und verkauft seine Waren in Rumänien. Die meisten seiner Aufträge kommen aus den Dörfern und bestehen aus Töpfen, Pfannen oder Kesseln. Laszlo, als Rom in Siebenbürgen geboren, spricht drei Sprachen: Romani, Rumänisch und Ungarisch.

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Bild: Sasha Naselenko

Marie, 25, ist vor fünf Jahren nach Dallas (Pata Rât) gekommen: „Gott hat mich hierher gesendet.“

Es leben nicht nur Rroma in Pata Rât, sondern auch Marie, ein Mädchen aus Frankreich. Zu Hause hat sie in einem Magazin über Rumänien und die Situation der Rroma gelesen und wollte danach hierher kommen: „Ich habe darüber nachgedacht und gebetet.“
„Erst war ich in einer Bibelschule in der Stadt“, erklärt Marie. „Aber dann habe ich über Pata Rât gehört und wollte hierher kommen.“ Aber selbst viele Einwohner Klausenburgs wissen nicht, wo Dallas ist. „Ich wusste, es war irgendwo in der Nähe des Flughafens.“
Von den „Häusern“ in Dallas unterscheidet sich das ihre nicht sehr groß. Es ist eine „Baracke“ aus Holz und ohne Strom, etwas 20 Quadratmeter breit. Bett, Küche, Ofen und Kühlschrank in einem Raum. Es ist klein, aber gemütlich. An den Wänden Fotos von ihren Freunden, Familie und mit den Kindern aus Dallas.
„Ich helfe im Kindergarten in Dallas jeden Tag“, sagt sie, während sie auf ihrem Bett sitzt. Es gibt oft auch andere Programme, bei denen sie mithilft, aber der Kindergarten ist ihre Hauptarbeit. „Es ist wichtig, dass die Kinder wirklich zur Schule gehen. Und seitdem es den Kindergarten gibt, tun sie das auch.“
Sie mag das Leben hier und erklärt, dass die Leute aus der Gemeinde sie sehr schnell aufgenommen haben. „Es gibt eine Familie, mit denen ich von Anfang an in Kontakt stand und sie halfen mir auch mein Leben hier aufzubauen.“ Anfangs arbeitete sie ein Jahr zusammen mit den anderen Menschen aus Pata Rât auf der Müllkippe. „Manchmal bin ich regelrecht im Müll eingesunken, bis zu den Waden. Für die Kinder ist das sehr gefährlich.“
Kurz Zeit nachdem sie nachdem sie nach Dallas gezogen ist, fand die Presse, die lokale wie auch die französische, ein großes Interesse an ihr. Als eines Tages eine Horde Journalisten nach Dallas kamen, um über das „verrückte Mädchen aus dem reichen Frankreich“ zu berichten, versteckten sie ihre Nachbarn in ihrem Haus, um sie zu beschützen,.
Marie kann sich nicht vorstellen für immer in Dallas zu leben, vor allem, weil viele Menschen jetzt gehen, weil die „Rampă“, die Müllhalde, in ein paar Jahren geschlossen werden soll. „Viele der Menschen hier wurden auch hier geboren und als die Müllhalde im Sommer für vier Wochen geschlossen wurden, war es auch ein Schock für mich, weil viele nun nicht mehr ihren Lebensunterhalt finanzieren konnten.“ Jetzt ist die Müllhalde aber wieder geöffnet, jedoch nur für drei Jahre.
Ihre Familie findet es „okay“, wenn sie in Rumänien bleibt und auch sie hat einige Pläne, wie sie die Situation hier verbessern kann. Sie bleibt in Rumänien, in Cluj.

Catalina, 22, wurde in Dallas (Pata Rât) geboren: „Morgens lehre ich Kinder und am Nachmittag gehe ich in die Schule.“

„Eigentlich hätte ich mir nie träumen können eine Erziehern im Kindergarten zu sein. Ich habe nie darüber nachgedacht. Aber ich mag die Kinder wirklich sehr“, erklärt Catalina aus Dallas. Sie arbeitet dort im Kindergarten, geht aber auch gleichzeitig zur Schule. Zurzeit geht sie in die zehnte Klasse und will ihr Abitur machen und studieren.
„Mein Hobby momentan ist der Kindergarten und meine Arbeit die Schule. Am Mittag komme ich aus dem Kindergarten und am Nachmittag gehe ich in die Schule bis zum späten Abend“, sagt das Mädchen. Ihre Klassenkameraden wissen, dass sie aus Pata Rât kommt. „Aber ich habe keine Probleme in der Schule. Die meisten sehen, dass ich wirklich lernen will und helfen mir auch“. Zwei ihrer Klassenkamderaden kamen sogar zu ihr nach Hause.
Jede Woche gibt es im Kindergarten ein anderes Thema: Zirkus, Rroma-Traditionen, Kochen oder Meerestiere. Um die drehen sich die wochentlichen Aktivitäten, wie Bastelarbeiten und Lieder. Das heißt auch, dass die Kinder eine neue Geschichte kennenlernen, manchmal aus der Bibel oder ein Gedicht oder ein Spiel mit dem sie sich beschäftigen.
22 Kinder sind in ihre Gruppe eingeschrieben; alle sind 4 oder 5 Jahre alt. Mit 6 oder 7 Jahren kommen die Kinder in die Schule, die allerdings in der Stadt liegt. Dort aber herrscht rigide Trennung: In der Schule „Trajan Dârjan“, wo fast alle Kinder aus Pata Rât hingeschickt werden, gibt es Rroma- und Nicht-Rroma-Klassen und sogar getrennte Schulgebäude und Schulhöfe. „Ich frage mich, warum man das macht? Das verhindert doch die Integration der Kinder in die Gesellschaft!“
Ob Catalina auch nächstes Jahr in Dallas als Erzieherin arbeitet, weiß sie nicht, da viele Menschen zurzeit wegziehen. „Lasst uns sehen, was Gottes Plan ist.“

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Bild: Sasha Naselenko

Gheorghe (60), arbeitet als Schreiner und lebt in der Nähe von Cluj:

Gheorghe lebt mit seiner Familie in der Gemeinde Poieni. Im Alter von nur 6 Jahren starb sein Vater, wodurch auch er zum Lebensunterhalt der Familie beitragen und als Erwachsener behandelt wurde.
Er arbeitete als Schäfer seitdem er Geld brauchte. Vor seinem Tod brachte ihm sein Vater das Holzschnitzen bei und die erste Sache, die er schnitzten konnte, war ein Löffel. Das Holzhandwerk behielt er bei und perfektionierte es; fertigt nun Löffel, Gabeln, Geschirr, aber auch Rohre an. Er begann außerdem als Kücheninstallateur zu arbeiten und diente ein Jahr in der Armee.
Heute gesteht sich Gheorghe mit traurigem Blick ein, dass Holzprodukte nicht mehr sehr oft benutzt werden und hat Angst, dass das Handwerk, vor allem jenes durch Roma beeinflusste, in Vergessenheit geraten wird. Denn niemand wird das traditionelle Handwerk weiterführen, da es, wie seine Kinder auch sagen, keinen stabilen Lebensunterhalt garantiert. „Die Traditionen sind sehr wichtig und unsere Werte, aber sie verschwinden, da sie nicht mehr die Basis sein können, einen Beruf ein ganzes Leben lang auszuführen.“
Deshalb ging Gheorghe auch in einer Fabrik arbeiten oder stellt seine Holzarbeiten auf Jahrmärkten aus. Viele seiner Bekannten oder Verwandten haben außerdem in den letzten Jahren Saisonarbeit angefangen. Das heißt, sie fahren zur Ernte von Früchten oder Gemüse im Sommer und arbeiten im Winter an ihren Holz- oder Metallwaren.

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Die Bilder und Texte wurden zur Abschlussveranstaltung des Projekts „So Keres?!“ ausgestellt.

Wem gehört Siebenbürgen?

Standard

Es ist der erste Dezember. Es ist Nationalfeiertag in Rumänien und die rumänische Trikolore hängt an jedem Laternenmast in der Stadt. In Alba Iulia läuft das Militär zu einer Parade auf, der Präsident spricht, es ist Feiertag, im Fernsehen kommt viel über rumänische Geschichte, es gibt Feuerwerk, die Weihnachtsmärkte werden eröffnet, man hört das Lied der Einheit.
Was das mit Transsylvanien zu tun hat und der Frage nach dessen Zugehörigkeit, ist schnell erklärt: Am ersten Dezember 1918 wurden das Banat, das Kreisch-Gebiet (Ja, heißt auf Deutsch wirklich so. Einfach mal googeln!), große Teile Moldawiens und Transsylvaniens Rumänien zugesprochen. Rumänien hatte zu dieser Zeit die größte Landmasse und alle seine „Schwestern und Brüder“ in einem Land vereinen können. Das wird gefeiert. Doch hat diese Entscheidungen auch noch Nachwirkungen bis heute. Und genau darüber, soll der nächste Blogeintrag erzählen:

Letzten Sommer war ich kurz vor meiner Ausreise in Taizé, einer ökumenischen Bruderschaft in Burgund zu der jedes Jahr tausende Jugendliche kommen, um eine Woche über sich selbst und seinen Glauben zu reflektieren – oder einfach nur Spaß zu haben, Spiele zu spielen und Menschen aus der ganzen Welt kennenzulernen.
Dort habe zufälligerweise auch einen Rumänen aus Klausenburg getroffen. Überglücklich und hochmotiviert endlich meinen Friendensdienst in Rumänien antreten zu können, war ich natürlich begeistert einen echten Clujeaner zu treffen. Doch dann sah ich noch Jugendliche mit der Aufschrift „Taizé 2014 – Kolozsvár“ herumlaufen und erinnerte mich: Cluj, Kolozsvár, Klausenburg – Rumänisch, Ungarisch, Deutsch. Das ist der Städtename in den drei Sprachen der (einstigen)
Einwohner.
Das waren also Ungarn aus Koloszvár, die da, stolz über ihren Taizé-Urlaub, diese Shirts trugen. Ich berichtete dem Rumänen aus Cluj voller Enthusiasmus darüber, dass noch mehr Menschen aus seiner Stadt gekommen wären und er sagte: „Ja, aber ich mag sie nicht. Ich muss nicht mit ihnen sprechen“. Andere Rumänen aus anderen Städten sprach ich auch auf die Koloszváris an und erntete nur komische Blicke. Und meine heile Mulit-Kulit-Kuschel-Welt war zerstört. Ich dachte, solch ein Ich-und-Ihr-Denken gäbe es zwischen jungen Leuten gar nicht mehr und wenn, dann nicht so ausgeprägt.
Wenn ich Rumänen auf siebenbürgische Ungarn anspreche, dann höre ich ab und zu schon mal: „Die Ungarn, das waren doch Barbaren, die uns unser Land (Transsylvanien) genommen haben, weil es so fruchtbar, schön und voller Bodenschätze ist“, „Die wollen ihren eigenen Staat mitten in Rumänien gründen. Das ist doch hirnrissig“ oder „Sie sollen lieber richtig Rumänisch lernen, als ihre eigene Kultur zu pflegen. Das ist schließlich unser Land“.
Als Außenstehender versteht man das nicht so ganz, wenn man nicht die geschichtlichen Fakten kennt:

Die Rumänen: Cine suntem? – Wer sind wir? – Ki vagyunk?

Seit dem zweiten Jahrhundert vor Christus siedelten im Karpatenbecken, also dem heutigen Gebiet Transylvaniens, die Daker, ein indogermanisches Volk über welches man nur wenig Genaues weiß. Es zählte zu den Thrakern zählte, die vorwiegend im Osten des heutigen Balkangebiets siedelten.
Das Daker-Gebiet haben sich im ersten Jahrhundert nach Christus die Römer, unter Kaiser Trajan, schließlich einverleibt; und das ziemlich gewaltsam: Den Kopf des letzten dakischen Herrschers Decebalus stellte man nach seiner Enthauptung in Rom zur Schau, obwohl sich Decebalus, nach seiner erfolglosen Flucht vor der römischen Gefangennahme, selbst vergiftete.
Doch der Eroberungswille der Römer zahlte sich nicht aus. Schon 275 nach Christus gaben sie die Provinz wieder auf, weil es ständig Bedrohungen durch andere Völker gab und die Karpaten einen genauen Grenzverlauf des Gebiets unmöglich machten. Danach zogen Hunnen, Gepiden, Sarmaten und andere Völker durch das Gebiet und die dakisch-romanisierte Bevölkerung machte irgendwas. Was genau, darüber streiten sich die Historiker bis heute noch. Viele sagen, dass Teile der Römer in der aufgegebenen Provinz verblieben sind und sich während des Durchzugs der verschiedenen Völker in die Wälder und Berge zurückgezogen und so die Einfälle überlebten. Andere gehen von einer „Vermischung“ des Volkes mit anderen Völkern aus und wieder andere von der „Migrationstheorie“, die besagt, dass die heutigen Rumänen eigentlich nur über die Donau und dann in die Karpaten migrierte Bulgaren seien. Woher dann die lateinischen Wurzel im Rumänischen kommen, ist also nicht wirklich geklärt.
Überhaupt fragt man sich: Woher kommen wir? Was ist die Wiege unseres Volkes? Das ist irgendwie das rumänische Trauma, mit dem man aufwächst. Noch heute vertritt der rumänische Staat die Theorie, dass ihr Volk aus diesen römisch-dakischen Einflüssen herrührt und man sieht sich quasi als „Nachfolger“ der Römer, was sie zu einem der ältesten Völker Europas machen würde. Geschichtlich wurde das nie richtig nachgewiesen und man vergisst auch, dass ein Volk über mehrere Jahrtausende nie so homogen sein kann, wie man es gern in den rumänischen Geschichtsbüchern behauptet. Das ist irgendwie das Hinwegtrösten über das Dilemma der unklaren Wurzeln.
Die römischen Andeutungen sieht man auch, wenn man durch die Innenstädte läuft: In Klausenburg, Neumarkt am Mieresch oder Turda ist überall die Wolfsmutter mit Romulus und Remus zu sehen und in keiner Stadt fehlt die Strada Dacia oder Strada Traian. Es ist also Teil des rumänischen Nationalmythos, der auch großen Einfluss, größeren als jüngere Geschehnisse, in den Geschichtsbüchern findet.
Auch die rumänische Sprache wurde dahingehend „angepasst“; nach dem „nationalen Erwachen“ der Rumänen ab dem 18.Jahrhundert. Aus dem Kyrillischen Alphabet wurde in den 1860ern das Lateinische gemacht. Die Aussprache ähnlich wie im Italienischen mit vielen Lehnwörtern aus eben dieser Sprache oder dem Franzöischen. So wurde das Rumänisch selbst wieder „rückromantisiert“, da es über die Jahre auch einen starken slawischen und teilweise türkischen Einfluss gewonnen hatte.
Die Römer und die Entstehung des Ur-Rumänen, das ist einfach das Lieblingsthema des rumänischen Volkes, dass immer wieder angepriesen wird. Gibt es doch aber in den Jahren bis zum 18.Jahrhundert nicht so viel zu erzählen über die Rumänen, da sie sich erst sehr spät als ein Volk entwickelt haben. Und auch nach dem Abzug der Römer ist nicht sicher nachgewiesen, dass überhaupt irgendwelche Römer oder Daker auf dem Gebiet Transsylvaniens sesshaft blieben. Immerhin zogen die verschiedensten Völker durch das Gebiet: Gepiden, Goten, Bulgaren, Hunnen, Slaven, Rroma und schließlich auch irgendwann die Maygaren.

Die Ungarn: Was ist mit uns passiert? – Ce s-a întâmplăt cu noi? – Mi történt velünk?

Die Ungarn kamen ursprünglich aus der Uralregion und eroberten die pannenonische Tiefebene mit ihrem König Árpád, um ab dem 11.Jahrhundert auch bis nach Siebenbürgen vorzudringen. Sie waren es auch, die Deutsche im Karpatenbogen ansiedelten oder die historischen Innenstädte bauten. Das Stadtzentrum von Cluj-Kolozsvár-Klausenburg ist ungarisch-deutsch geprägt, wie auch das von Sibiu-Nagyszében-Hermannstadt oder Brasov-Brassó-Kronstadt. In einigen Städten und Dörfern hatten selbst die Deutschen die Mehrheit inne.
Fast tausend Jahre war Siebenbürgen Teil Ungarns oder unter ungarischer Herrschaft. Nach dem ersten Weltkrieg zerfiel die Doppelmonarchie Österreich-Ungarn allerdings und Ungarn selbst verlor über 60% seiner Landmasse, darunter seinen Zugang zum Mittelmeer. Das ist noch heute eine tiefe Wunde in der ungarischen Seele ist und in diese wird von der nationalistisch-konservative Bewegungen im Staat gern Salz hineingestreut. „Einwanderer können nun einmal nicht über den Seeweg nach Ungarn kommen, so sehr wir uns das auch wünschen mögen“, erklärte Anfang des Jahres im Hinblick auf Dublin II Premier Viktor Orbán, der seit einigen Jahren ein ganz eigenes Verständnis von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit besitzt.
Auch Siebenbürgen musste 1918 Rumänien „überlassen“ werden. Den Beschlüssen von Alba Iulia 1920 haben auch die Rumäniendeutschen zugestimmt und Rumänien sicherte Magyaren wie Deutschen Gleichberechtigung zu. Dieser Grundsatz auf dem Papier, wurde aber in der Praxis ganz anders umgesetzt: Viele ungarische Gebäude mussten an den Rumänischen Staat abgegeben werden, und weiteren Enteignungen waren die Folge. Auch ungarische Schulen wurden durch geschickte Auslegung von Gesetzten an die nun regierenden Rumänen abgetragen.
Natürlich, vor dem Jahr 1918 wurde 56% der Bevölkerung von den Rumänen gestellt und die litten unter der seit 1867 betriebenen „Magyarisierungspolitik“ Österreich-Ungarns, doch auch im Gegensatz erlitten viele Ungarn unter rumänischer Herrschaft tiefe Rückschläge. In den ersten Jahren nach dem „großen Krieg“ gab es kaum ungarische Absolventen an der Universität, weil es nur Prüfungen in rumänischer Sprache gab.

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Das transsylvanische Wappen mit den Insignien der Székler, der Sonne und dem Mond, den sieben Burgen, die für die Sachen stehen und dem ungarischen Adler. Die Rumänen, Juden, Armenier (…) wurden damals nicht in das Wappen eingenommen.

Siebenbürgen-Ardeal-Érdely: Wo leben wir? – Unde locuim? – Hól lakunk?

Natürlich in Siebenbürgen! Einem Gebiet, welches über die Jahrhunderte von Rumänen, Ungarn, Széklern, Sachsen, Rroma, Schwaben, Armeniern, Csangos, Serben, Kroaten, Slowaken, Juden und Türken bewohnt wurde. Es war schon immer ein Gebiet, auf dem mehrere Völker gleichzeitig oder auch nacheinander gelebt haben. Ungarn wie Rumänen beanspruchen dieses Gebiet für sich, was natürlich zu Problemen führte.
Nehmen wir als Beispiel Klausenburg-Cluj-Kolozsvár: Die Stadt hat, eigentlich ja als eines der Zentren der Magyaren in Siebenbürgen, keine rühmliche Geschichte im Umgang mit Minderheiten hinter sich, auch nach der politischen Wende, wie auch unter ungarischer Herrschaft.
Unter dem rechtsextremen Bürgermeister Funar sollte selbst die Mathias-Rex-Statue vom Piata Unirii, dem Hauptplatz von Cluj, entfernt werden, weil er eben ein ungarischer König war. Und 2010 wurden fast 20 Rromafamilien aus der Strada Coastei nach Pata Rât zwangsumgesiedelt.
Während ab dem 17.Jahrhundert immer mehr Rumänen nach Nordsiebenbürgen vordrangen, blieben diese allerdings nur Bauern oder verübten einfachere Arbeiten, da sie nicht die gleichen Rechte wie Ungarisch- oder Deutschsprachige hatten. Und so wurde ihnen auch der Weg zu Bildung und einer intellektuell-rumänischen Schicht verwehrt, die sich für die Rechte ihrer Schwestern und Brüder einsetzte.
Das kreierte den Stereotyp des hochnäsigen, adligen, reichen Ungarn, der sich für etwas viel Besseres und Wertvolleres hält als den ungebildeten, bäuerlichen, rechtlosen Rumänen, der irgendwo aus dem Slawenland hergekrochen kommt.
Vor allem in der Zeit des Kommunismus war die Situation dann, wie schon beschrieben, umgedreht und die nationlistisch-kommunistische Ideologie geht glaube ich ein paar Menschen nicht mehr aus dem Kopf.
Manchmal, denke ich, ist die ganze Rumänischkeit in Cluj-Kolozsvár-Klausenburg nur aufgepfropft. Nie bekennt man sich wirklich, mit vollem Mund, zur Multiethnizität Siebenbürgens, wie es ja eigentlich als Idealzustand gewollt ist, sondern bezieht sich nur auf das Rumänische. Die Trikolore ist omnipräsent, vor einigen Jahren waren sogar die Bänke der Stadt in rot-gelb-blau gestrichen. Der Bürgermeister will nicht, dass auf dem Ortseingangsschild auch Kolozsvár und Klausenburg abgedruckt oder Straßenschilder zweisprachig sind.
Und überhaupt: Warum eigentlich noch Cluj-Napoca? „Napoca“ hieß die frühere römische Kolonie auf klausenburgischem Boden und wurde 1972 von Diktator Ceauşescu hinzugefügt, um eben jene römisch-dakische Ideologie zu zementieren. Ein altes Relikt des Kommunismus also.
„Aber wir waren hier als Erste und deshalb ist das hier unser Gebiet“, erstaunte mich eine rumänische Kollegin als sie mir das sagte. Dann blicke ich also auch jeden Abend auf amerikanisches Gebiet, wenn ich mir den Mond anschaue, erwiderte ich.
Fragte ich Jugendliche aus dem Jugendzentrum, in dem ich letztes Jahr gearbeitet habe, dann wussten sie bestens Bescheid über die rumänischen Nationalhelden Avram Iancu, Ioan Cuza, Michael den Tapferen oder Vlad den Pfähler oder die Daker und die Römer. Wenig allerdings ist bekannt über siebenbürgische Geschichte oder die Geschichte der anderen Landesteile. Ich wurde sogar einmal gefragt: „Wie konnte denn der Johannis so schnell Rumänisch lernen, wenn er aus Deutschland kommt?“ Kaum etwas wird über Ungarn, Sachsen oder Székler oder andere Minderheiten gelehrt, obwohl diese drei Nationen eine tragende Rolle in Siebenbürgen spielten und die Region mit zu dem machten, was sie heute ist.
Es ist schade, aber mein Empfinden ist, dass das richtige Siebenbürgen leider zu Gunsten des rumänischen Patriotismus mehr und mehr verschwindet. Dabei sind doch selbst siebenbürgische Rumänen stolz von hier zu kommen, da es die berühmteste, reichste und wirtschaftlich stärkste Region Rumäniens ist. Doch trotzdem sieht man sich in der Region nicht als heterogene Gesellschaft zusammen mit den anderen Nationen, sondern als Rumänen in Transsylvanien. Ein rumänisch-siebenbürgischer Freund von mir brachte es vor kurzer Zeit ironisch zugespitzt auf den Punkt: „Wir sind siebenbürgische Rumänen. Wir hassen Ungarn, Zigeuner und den Rest des Landes, die Wallachen und Moldawen, weil sie faule Gauner sind.“DSC_1426

Siebenbürgen-Ardeal-Érdely: Wie leben wir zusammen? – Cum traim împreuna? – Hogy élekünk együtt?

Eine tolle Ausnahme bildet da die Stadt Mediasch, die ich letztens besucht habe: Hier wirbt man sogar mit den drei Sprachen auf dem Werbeplakat der Stadt. „Bine ati venit. Willkommen. Isten hozott.“ Überhaupt scheint mit Mediasch in letzter Zeit besonders aufzufallen. Vor Kurzem habe ich mit meiner rumänischen Nachbarin über ihre Kindheit in Mediasch gesprochen. Auf Deutsch. „Ich war auf einer deutschen Schule und wenn wir am Nachmittag zusammen gespielt haben, dann haben wir zwar immer drei Sprachen gesprochen, aber uns trotzdem verständigt. Ich hatte ungarische und deutsche Freunde.“
Das hat mich gefreut. Es geht doch also, dass man zusammen lebt und Friede-Freude-Eierkuchen.

Am Ende geht es mir nicht darum zu sagen, dass Siebenbürgen zu Ungarn gehört oder dass Siebenbürgen ein eigener Staat werden sollte. Das wäre ja so ähnlich, als würde sich ein Bundesland von Deutschland abspalten. Aber Abspaltung führt doch zu noch mehr Konflikten und bringt weder die eigenen Landesinteressen noch die europäische Idee irgendwie vorwärts.
Wichtig ist es, für diese Region einzutreten, ganz gleich zu welcher Volksgruppe ich mich zähle. Denn Siebenbürgen hieß auch für viele Jahre: Toleranz, Gleichberechtigung und freie Entfaltung zwischen verschiedenen Interessengruppen, auch wenn es in der Geschichte nie wirklich einen Moment gegeben hat, in dem dies 100%-ig der Fall war. Und wenn wir uns die Situation der Rroma anschauen, die in diesem Beitrag natürlich komplett ausgeblendet wurde, dann trifft das überhaupt nicht zu.
Die Lösung in meinen Augen muss es sein, Rumänien mehr zu Dezentralisieren, denn es ist eben kein einfach homogenes Gebilde. Durchfährt man das Land, dann merkt man das. Zwischen Hermannstadt mit seinem Stolz auf die Sachsen, dem Széklerland, wo fast nur Ungarisch gesprochen wird, der moldawischen Universitätsstadt Jassy, Constanţa mit seiner türkischen Gemeinde oder dem rumänisch-ungarisch-serbischen Banat liegen Welten in der Mentalität und den verschiedenen Einflüssen. Man liegt falsch, wenn man sich auf nur ein Bild von Rumänien festlegen will – und das macht der rumänische Staat in meinen Augen viel zu sehr.
Die „Ära Ceasescu“ ist in einigen Köpfen leider immer noch nicht beendet, wenn man das Thema Nationalstaat anspricht. Der einstige Diktator hat mit seiner sehr nationalistischen Politik zur Verschärfung und Glorifizierung des Wir-sind-die-Nachkommen-der-Römer-Verständnisses geführt.
Wenn man allen Landesteilen mehr Raum zum Atmen, zur Entfaltung der eigenen multi-kulturellen Identität gibt und dann sagt: „Schaut her! Das ist doch Rumänien eigentlich! Wir sind nunmal ein Land mit verschiedenen Völkern und Einflüssen, aber das macht uns nur noch reicher und wir alle sind geeint im rumänischen Staat“, dann ist niemand beleidigt und dann bin ich mir sicher, identifizieren sich auch die meisten Ungarn viel mehr mit Rumänien.
Wenn sie es nicht jetzt schon tun. Denn trotz des eben beschrieben Problems gibt es keinen tatsächlichen Konflikt zwischen Ungarn und Rumänen. Es gibt gerade auf der kulturellen Ebene, in die ich sehr eingebunden bin, viel Zusammenarbeit und gegenseitige Bereicherung und Spaßen über die eigene Herkunft. Denn am Ende sollte man die Herkunft und die Kultur aus der man kommt nie zu ernst nehmen. Wir sind alle Menschen.

Über kommunistische Fabriken in Cluj, historische Schnörkelbauten in Kolozsvár und Ideen für die Zukunft in Klausenburg

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Vor einiger Zeit habe ich wieder einen langen Spaziergang durch Klausenburg gemacht und bin dabei auch durch die beiden Arbeiterviertel geschlendert. Eine Freundin aus Deutschland, die Architektur studiert, hat mich begleitet. Wir fotografieren viel, standen lange vor den Gebäuden und staunten: über die Formen, die nackten Wände, Schmierereien oder Omis, die sich mit dem Gaffen von ihrem Balkon die Zeit vertreiben. Dass „Touristen“ durch gerade ein solches Vierte laufen, war für die meisten Rumänen ein komischer Anblick.
Meine Freundin aber sagte, dass es eine der interessantesten Gegenden ist, die sie hier gesehen hat. Für viele Menschen, die in Cluj in den Vierteln Maraşti oder Manaştur leben, ist es nicht wirklich normal, wenn Touristen gerade hierher kommen, anstatt sich in der Innenstadt herumzutreiben. Sie denken, dass diese Blöcke, die in den Siebzigern wie eine Art „Speckgürtel“ um Cluj herum entstanden sind, einfach nur hässlich sind und wir uns über die Menschen, die hier leben, lustig machen würden. Dementsprechend zornig hat auch eine Frau reagiert, als wir Fotos gemacht haben: „Was wollt ihr hier? Gibt es denn keine hässlichen Gebäude in eurem eigenen Land?“archi_1
Diese Häuser sind im sogenannten Stil des „Brutalismus“ erbaut worden. Das heißt vor allem, dass die Gebäude eigentlich „nackt“, unverputzt sind; man sieht viel Beton, oft auch Ziegelsteine aneinandergereiht in mehr oder weniger zusammenpassenden geometrischen Formen. Da gibt es dann mal ein rundes Dachfenster, das aus dem letzten Stockwerk, einem Ziegel-Zylinder, herausragt, verglaste Balkone oder Häuserkanten, die sich gegenüberstehen und die abstrusesten Bilder kreieren. Sie sind roh, kalt und industrialistisch, aber gleichzeitig haben sie auch etwas menschliches, da man auch oft schiefe Linien sieht, die durch irgendwelche Sparmaßnahmen, Schlampereien beim Bau oder fehlende Instandsetzung hervorgerufen worden.


Rumänien ist heute übersät von diesen Gebäuden. Der abgedrehte Diktator Ceauşcu hatte mit seinem Abriss-und-Neubau-Wahn die Idee, das Gefühl von Kleinheit und Angst zu vermitteln. Denn hinter dem unpersönlichen Sardinenbüchsen-Stil steckte Kalkül: In Bukarest wurden zum Beispiel viele Menschen in solche Blöcke „zwangsumgesiedelt“, ohne ihre Nachbarn zu kennen. Man vermutete hinter Jedem einen Securitate-Spitzel und kreierte schon im Vornherein Angst und daraus resultierende Systemtreue.
Doch die Bauten entstanden vor allem, um den Charakter des Landes innerhalb weniger Jahre von Grund auf zu verändern: Der Plan war, das damals von Agrarwirtschaft geprägte Rumänien in einen modernen Industriestaat zu verwandeln. Das hieß vor allem, dass man mehr und mehr Menschen in der Stadt ansiedeln wollte bis zu dem gegen Ende des Regimes geplanten „Dorfzerstörungsprogramm“, dass ganze Dörfer dem Erdboden gleich machen wollte. Ziel war es die Menschen als Fabrikarbeiter in die Städte zu treiben; so hatte Klausenburg eine Streichholz-, Bier- oder auch Pinselfabrik.
Aber auch vor historischen Monumenten schreckte der rumänisch-nationalistische Größenwahn nicht zurück: In Sigişoara/Schäßburg wurden noch 1989 Teile der historischen Innenstadt für immer zerstört, um später Brutalismusbauten aus dem Boden zu stampfen. Heute klafft in der Stadt eine grüne Narbe, denn die Revolution und der Systemwechsel haben dem Plan (zum Glück) einen Strich durch die Rechnung gemacht und lieber Bäume statt Gebäude sprießen lassen. Sigisoara ist mit seiner mittelalterlichen Altstadt auf dem Berg heute einer der Tourismusmagneten in Südsiebenbürgen.
Heute werden die alten Blöcke langsam renoviert. Viele Neubauwände werden von außen jetzt orange oder gelb, mit roten Fensterumrandungen. Diese neu gestrichenen Häuser sehen heute angegraut und eigentlich noch hässlicher aus, als sie es vorher im Mörtelgrau waren, der eigentlich schon seinen Charme hatte.
Das interessante ist, dass die vielen Blöcke, die sich zu kommunistischen Urzeiten noch in Staatshand befanden, heute weitestgehend privat sind. Familien oder andere Privatleute kauften direkt nach dem Systemwechsel Wohnungen und renovierten sie nach ihrem Bild. Es werden Wände eingebrochen, die eigentlich wichtig sind, man macht aus dem Balkon einen Wintergarten oder zieht Wände woanders wieder hoch. Auch von außen sieht das dann so aus, wie man es schon vermutet. Ein buntes Durcheinander von verschiedenen Versatzstücken, die oft nicht aufeinander abgestimmt sind.archi4
Irgendwie, finde ich, spielt das auch die rumänische Gesellschaft wieder. Nach dem Kommunismus-Einheitszwang macht nun jeder etwas, wie es ihm gerade so passt. Aber da der Staat fast nichts mehr lenkt, es keine große soziale Absicherung gibt, versucht jeder irgendwie sein eigenes kleines Reich zu schaffen und sich von der äußeren „Hässlichkeit“ abzuschirmen. Ob das Ergebnis dann ins Ganze passt, ist dann erst einmal zweitrangig. Was soll man auch anders machen, so der Tenor des „typischen“ Rumänen. Ce să fac?
Diese Blöcke oder leerstehende Industriegebäude können allerdings noch genutzt werden, wie es das Konzept der Pinselfabrik, in der ich gerade ein Praktikum absolviere, zeigt. 2009 hat sich ein Verein gegründet, der die ehemalige Pinselfabrik in Klausenburg anmietet und dem durch die Krise stark zusammengekürzten Kulturbudget den Kampf ansagt.
Dort finden nun über 50 Künstlerateliers ihren Platz, zwei Theatersäle, mehrere Büros mit verschiedenen Organisationen, die sich im Kunst- und Kulturbereich angesiedelt haben, eine Küche mit Bar und Mini-Bibliothek, ein Club und Raum für Ausstellungen. Das Gebäude ist seitdem Dreh- und Angelpunkt der Kulturszene der Stadt und das alte, „verloren“ geglaubte und anscheinend abrissreife Gebäude wurde wiederbelebt und instand gesetzt. Ein Vorteil hat das auch für die vielen Künstler und Vereine, deren Portemonnaie nicht gerade das dickste ist: Sie haben einen ruhigen Raum zum Arbeiten, nicht zu weit vom Stadtzentrum entfernt, müssen keine Unsummen an Miete und Nebenkosten bezahlen und sind zentral in einem Gebäude. Wie ein fleißiges Bienennest. Ironischerweise sind auch die meisten Künstler im Haus Maler.


Wenn man durch Klausenburg geht, dann erblickt man viel Absurdes und manchmal Unpassendes: Man sieht mitten an einer Hauptstraße traditionell-siebenbürgische Häuser wie man sie vor 100 Jahren gebaut hat, die schon lange nicht renoviert wurden, neben neuen, geraden, kalten Blöcken aus Glas und Beton. Rumänien hat Sehnsucht danach, auch so tolle Glasgebäude zu haben, wie man sie im Rest Europas sieht, und Fitnesscenter mit einem Straßenausblick, und Malls mit einem Park und Teich; sich also das schon lang begaffte „Schaufenster Westeuropa“ nach Hause zu holen. Doch noch hat man das Potenzial vieler leerstehender Gebäude nicht erkannt, geschweige denn deren sozialen Wert: Nach dem Vorbild der Pinselfabrik könnten auch Wohnprojekte gestalten werden, Studentenheime, Bürogebäude. Und mit ein paar Modifikationen und Renovationsarbeit könnte man das kommunistische Erbe in Etwas junges, soziales, „hippes“ umwandeln.archi10.jpg
Gleichzeitig „gammeln“ die historischen Bauten in der Innenstadt nur so vor sich hin. Entweder werden sie zum historischen Monument erklärt, wie zum Beispiel mit ganze Straßenreihen in Kronstadt/Brasov geschehen ist oder sie werden privat gekauft und teilweise komplett umgestaltet. Egal wie, ob Monument oder nicht, spielt in der Praxis keine große Rolle. Ein historisches Objekt, ist zu teuer und hat zu viele zu erfüllende Auflagen, als das es sich für den durchschnittlichen Käufer lohnen würde. Und in Regierungs- oder Stadtkassen herrscht für solche Projekte Flaute, was einer großangelegteren staatliche Lenkung im Wege steht.
Doch es geht auch anders, wenn man mutig ist und investiert: Ein in Cluj wohnender Innenarchitekt hat es sich in den letzten Jahren zur Aufgabe gemacht, Wohnungen im historischen Zentrum zu kaufen und sie zu restaurieren und zu vermieten. Ein attraktives Angebot, was immer mehr begeisterte findet. Gleichzeitig findet eine Art Sensibilisierung für den Erhalt historischer Gebäude als Wohn- und Erholungsraum, aber auch als Kulturgut statt, denn die Wohnungen werden zwar neu ausgestattet und ein wenig modifiziert, doch bleibt der historische Kern der Wohnung erhalten.
Ganz anders sieht es zum Beispiel in Budapest aus. Dort warten man nur darauf alte Gebäude im Innenstadtzentrum abzureißen und das gewohnte Stadtbild entstellende Objekte aus dem Boden zu stampfen. Firmen kaufen in der ungarischen Hauptstadt alte Häuser, vermieten sie zu einem spottbilligen Preis und lassen sie herunterkommen, bis sie gefährlich und unbewohnbar sind, um sie schließlich dem Erdboden gleich zu machen.
So ähnlich geschieht es derzeit auch mit dem Hotel New York. Es steht im Zentrum Klausenburgs an einer Ecke des Hauptplatzes und von außen ist es eine reine Augenweide; aus den Hochzeiten der österreich-ungarischen Baukunst entstammend ist das imposante Bauwerk an jeder Ecke mit Rosen oder Verschnörkelungen geschmückt, innen ein Spiegelsaal und Kronleuchter. Es war bis 2001 ein Hotel und wurde auch als Literatur-Kaffeehaus genutzt, ging dann aber insolvent und steht seitdem leer. Der Eigentümer macht gar nichts und die Stadt sieht sich nicht in der Verantwortung eines der prächtigsten Gebäude der Stadt zu kaufen und es zu restaurieren.
So finden hier wahrscheinlich einmal im Monat Diskos statt, es sind des Öfteren Ausstellungen oder Konzerte und man kann für ein paar Stunden durch das ganze Haus laufen. Das ist zum einen wirklich toll; es ist eine tolle Location für solche Veranstaltungen, da es einen ganz eigenen Charm hat, aber gleichzeitig erschreckend und traurig. Die Wände sind teilweise eingerissen, Putz bröckelt und Tapete rollt sich ab, es liegen tote Ratten in den oberen Stockwerken, die Fenster sind offen und es regnet herein, Tauben nisten in versteckten Winkeln und nicht überall ist es sicher auf den Boden zu treten.


„Irgendwie kann ich mir Cluj auch nicht ohne seine Häuser vorstellen, wo der Putz abfällt, mit den vielen Kabeln, die sich von Haus zu Haus hangeln“, erklärte mir meine Freundin nach ihrem Besuch. Vielleicht stimmt das ein bisschen und ist auch Teil der Geschichte, doch irgendwann muss doch mal etwas gemacht werden. Oder will man den Banken, Internetanbietern und Restaurants etwa Platz machen, damit sie ihre Glas-Stahl-Beton-Gebäude an jede Ecke in Klausenburg setzten und die Stadt komplett ihren Reiz verliert und sich mehr und mehr der privaten Hand ergibt? Nein – es gibt einige Alternativen und die müssen gar nicht kostenspielig sein, sondern vor allem ein gutes, durchdachtes Konzept vorweisen. Dann hat jeder Platz in der Stadt.
Und irgendwie muss man doch zugeben: Nicht nur die historischen Häuser in der Altstadt haben ihren Charm und sind „romantisch“, sondern auch die Plattenbauten und Fabriken aus dem Kommunismus. Man sieht Klausenburg an, dass hier Menschen gelebt, unterschiedliche Regime ihren Platz gehabt haben und das es keine geplante, sondern über die Jahrhunderte erbaute Stadt ist. Man sieht die Narben, Kontraste und Risse und das macht es doch irgendwie interessant – und wunderschön.archi6.JPG