Der Weg nach Deutschland

Standard

Mit wenig Atem komme ich am Bahnsteig 5 an. Es ist kein Vorteil in direkter Nachbarschaft zu wohnen, wenn man sich gern verspätet. Die Uhr sagt mir, dass es 2 Uhr nachts ist und der Zug nach Budapest legt in Klausenburg eine längere Pause ein. Alle Zusteigenden stehen noch auf dem Peron, zusammen mit dem Schaffner, und rauchen. Während ich in der allerletzten Minute vor der Abfahrt in den Schlafwagen steige, begrüßt mich der Schaffner: Jó estét! – Guten Abend, auf Ungarisch. Doch ich beginne das Gespräch einfach auf Rumänisch – Buna seara! – und frage: Wo muss ich hin? Er schaut mich irritiert und ein wenig genervt an und gibt mir dann meine Antwort auf Englisch. Achja, ich hatte ganz vergessen, dass mich ja praktisch schon auf ungarischem Boden befinde. Fast nur siebenbürgische Magyaren fahren mit der Linie in Um genauer zu sein fährt der Zug aus dem Széklerland, einem Gebiet mit komplett ungarischsprachiger Bevölkerung, durch Klausenburg und Großenwardein, in die „alte“ Hauptstadt. Und auch in meinem Schlafwagen schlafen nur native Ungarisch-Sprecher. Ich rolle mit den Augen: Jó estét!, und erkundige mich dann gleich, ob sie auch Rumänisch sprechen. – Willkommen in Ungarn!
Als ich am Morgen in Budapest aussteige, laufe ich zum Fahrscheinautomaten und bemerke viele Menschen stehend, mit großen Einkaufstüten oder schlafend auf Isomatten. Einige von ihnen tippen auf ihren Telefonen herum und nutzten das kostenlose Internet-Netz am Bahnhof. Die haben es also geschafft über, unter oder durch den löchrigen EU-Zaun nach Ungarn zu kommen. Oder sie sind schon länger hier.
Wissen die wohl, was auf den blauen Regierungsplakaten steht, die seit dem Frühjahr überall im Land hängen? Darauf steht geschrieben: „Wer nach Ungarn kommt, muss unsere Gebräuche und Gesetzte beachten“, „Wer nach Ungarn kommt, darf keinem ungarischen Bürger seinen Arbeitsplatz wegnehmen“ – Natürlich auch nur in ungarischer Sprache. Es ist ja schließlich Magyarország hier. Geflüchtete haben wohl andere Probleme, als sich diese Plakate in ihre Sprache übersetzten zu lassen, es sei denn, regierungsloyale Bürger übernehmen das für sie.
Die Flüchtlinge wundern sich wahrscheinlich eher über die Plakate, die Oppositionelle in Englisch aufgehangen haben: „Sorry for our Prime Minister“, den rechtsnationalen Demokratieabbauer Viktor Orbán, der sich vor kurzem für die Wiedereinführung der Todesstrafe aussprach und fast stündlich gegen Flüchtlinge hetzt.
Schon im Juli als ich hier zu Besuch war hatte ich viele Flüchtlinge in der Nähe des Bahnhofes gesehen. Damals war ich ganz verwundert als ich aus der Metro ausstieg und einen Haufen Menschen in der Halle sah. Heute, an einem Dienstag Ende August, ist es aber anders: Es sind noch viel mehr Polizisten im Einsatz, die das Areal patrouillieren.
Ich steige in den Zug Richtung Wien: Hier wird Deutsch gesprochen, der Zug ist modern mit Plexiglas und es gibt eine Spielecke mit Kinderfernsehen, die Mütter mit ihren Kindern frequentieren, Leute tippen auf ihren Lesegeräten herum oder stecken sich ihre Kopfhörer ins Ohr. Es ist so schön ruhig und warm. Auf den grauen Sitzen fühlt man sich wie auf einem Thron.
Ich blicke aus dem Fenster. Man hört die Máv-Start-Glocke und die Ansagerin, die die nächsten Anschlüsse ankündigt. München, Wien, Linz. Menschen mit Koffern und Taschen laufen hastig umher, campierende Flüchtlinge auf Isomatten, ein junger Mann spricht mit zwei Polizisten. Sie haben Pistole, Schlagstock und Pfefferspray an ihrem ledernen Bauchgürtel.
Jetzt kommen auch zwei Beamte in den Zug und schauen, ob alles in Ordnung ist. Sie schauen gezielt nach Kleidung – und nach Geruch. Den Schwarzen neben mir mit seinem Sakko, silbernen Kopfhörern und einem dicken Roman sprechen sie gar nicht erst an, der sieht wahrscheinlich zu wohlhabend für einen Flüchtling aus. Zwei Menschen nehmen sie mit. Alle schauen weg, als sie abgeführt werden.
Der ungarische Zug hat sich als Fortbewegungsmittel bei den Flüchtlingen unbeliebt gemacht. Viele von ihnen wurden in den letzten Tagen einkassiert und an der Weiterreise gehindert. Ich überlege kurz, wo ich mich dann verstecken würde und ob mir die Gäste im Zug helfen würden. Auf dem Klo einschließen hilft da glaube ich nicht. Aber ich erinnere mich an den Zug von Klausenburg nach Budapest: Wenn man dort nachts im Schlafwagen in der obersten Reihe liegt und sich hinter den Taschen versteckt, dann könnte man sich schnell in den Schengenraum einschmuggeln. Denn der ungarische Grenzkontrolleur hat auch keine große Lust morgens um 5 Uhr das Schlafabteil genauestens zu durchleuchten. Da reicht man schnell den Pass hin und fertig. Mir als Deutschem schaut man sowieso nicht ins Gesicht, sondern gibt mir die Reisepapiere nach einem hastigen Blick zurück.
Während wir durch Györ und Tatabánya nach Wien fahren sehe ich bei jedem Halt mindestens drei Polizeibeamte. Mit der Zeit verschwindet das Ungarisch aus dem Zug, man spricht Deutsch, oder sowas ähnliches, und sagt zu Brötchen Semmeln, was mich zum Schmunzeln bringt. Ich kaufe mir zwei deutsche Zeitungen und lese: Bodo Ramelow preist Thüringen als Einwanderungsland mit Willkommenskultur, Griechenlandrettung, Ausschreitungen in Heidenau, Kanzlerin merkelt.
Im Zug unterhalten sich Menschen über die Genderisierung unserer Sprache, die Sozialschmarozern vom Westbalkan und fair gehandelten Kaffee.
Ich überlege kurz: Erst am Tag zuvor habe ich das Ticket für meine Reise gebucht und auch nur ein einziges Mal musste ich meinen Reisepass an einer Grenze vorzeigen. 20 Stunden, von Klausenburg nach Erfurt. Kein Zaun, keine Mauer, keine Beamten mit Tränengas. Ich habe das Recht mich frei zu bewegen und dahin zu gehen, dort zu arbeiten, da zu leben, wo ich will. Als ich in Fulda in den Zug Richtung Leipzig umsteige, fühle ich mich dann richtig in der thüringischen Provinz angekommen. „Gunn Amd! Dä Farrkardn biddä!“

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s